Mädchenhandel

Ich klicke die Nachrichten an. Jedes Mal sehne ich mich nach dem Duft einer Zeitung, diesem zeremoniellen Aufschlagen der Seiten und der Zeit, diese zu lesen.

Meine nostalgischen Gedanken werden abrupt verdrängt. Die meisten Schlagzeilen habe ich bereits überflogen, viele übersprungen, nur über eine bin ich gestolpert, weil hängengeblieben: 

„… verhandelt mit Russen über Verkauf von ukrainischer Tochter“.

Zwangsheirat, Versklavung, Verschleppung, Prostitution, Erpressung, Genitalverstümmelung – gewaltig hämmert es in meinem Kopf.

Ein kalter Schauer durchfährt meinen Körper, ich fühle mich machtlos, wie gelähmt, ohnmächtig. Ich warte auf den rettenden Geheimagenten, der die Szene brutal auflöst, als Sieger aus dem Gefecht herausgeht und mich wachrüttelt aus der Bewusstlosigkeit.

Ich brauche Fakten, Einzelheiten, eine Erklärung, die mir dieses Online Medium schuldig ist.
Mit solchen Meldungen wirft man nicht um sich, es trifft mich hart.

Und plötzlich klärt sich mein Blick durch einen weiteren Klick.

Aus den Zeilen erfasse ich den Verbrecher meiner Wahnvorstellungen. Eine europäische Bankengruppe. Ein millionenschwerer Deal fällt von meinen Schultern und dennoch fühle ich mich geschlagen.

 

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